Teilprojekt II: Praxis und soziales Wissen der Obduktion
(verantwortlicher Leiter Prof. Dr. Hubert Knoblauch)
(a) Allgemeine Fragestellung
Obwohl das soziale Problem der Obduktionsmüdigkeit durchaus bekannt und in seinem Umfang recht genau beschrieben ist, stellt sich aus soziologischer Sicht die Frage, wie diese Obduktionsmüdigkeit zu erklären ist. Dabei spielen die anderen beteiligten Disziplinen zweifelsfrei eine Rolle: So wird sich aus medizinhistorischer Sicht die Frage verfolgen lassen, in welchem Ausmaß und in welcher Form der Obduktion eine historisch sedimentierte Bedeutung (womöglich Tabuisierung) anhaftet; auch die Klärung der juristischen Entwicklungen können aus soziologischer Sicht als institutionelle Rahmenbedingungen angesehen werden. Im Sinne jedoch des oben skizzierten Ansatzes wird es dem soziologischen Teilprojekt um die Frage gehen, ob und in welcher Weise in die Praxis der Obduktion kulturelle Bedeutungen eingeschrieben sind. Im Sinne jedoch des oben skizzierten Ansatzes wird es dem soziologischen Teilprojekt zum einen um die Frage gehen, ob und in welcher Weise in die Praxis der Obduktion kulturelle Bedeutungen eingeschrieben sind. Zum anderen geht es um die Frage, inwiefern die institutionellen Strukturen des Krankenhauses als dem Ort, an welchem die Entscheidung für oder gegen die Obduktion letztgültig fällt (bzw. etwas weiter gefasst: die Strukturen des medizinischen Feldes), als Rahmenbedingungen für die Organisation der klinischen Sektion relevant werden. Diese Fragen sollen in unseren zwei Unterprojekten untersucht werden.
(b) Gegenstand der Untersuchung
Zum einen (Unterprojekt 2) sollen die institutionellen Rahmenbedingungen sowie die Interaktion zwischen Ärzten und Betroffenen im Zuge des Aufklärungsgesprächs, welches der Sektion vorausgeht, untersucht und die damit verbundenen Perspektiven und Einstellungen der Beteiligten analysiert werden. Da wir davon ausgehen können, dass die Deutungen und Handlungsentscheidungen der Personen von gesellschaftlichen Deutungsmustern abhängig sind, werden wir uns zum anderen auch dem öffentlichen Diskurs über die Obduktion zuwenden (Unterprojekt 1). Dabei gehen wir davon aus, dass das Wissen, das die Akteure von der Obduktion haben, einerseits von kulturell sedimentierten Bedeutungen abhängig ist, aber eben auch von den Medien und in Aufklärungsinitiativen vermittelt wird. Gerade mit Blick auf die Medien hat sich aber in den letzten Jahren eine sehr grundlegende Änderung abgezeichnet: Die Obduktion ist zu einem regelrechten Modethema geworden, das in einer Reihe von sehr populären Serien verhandelt wird. Vor dem Hintergrund der Sektionsmüdigkeit gewinnt diese mediale Aufmerksamkeit ein besonderes Interesse. In der Rückkopplung an die klinische Praxis soll dann gefragt werden, ob und wenn ja wie sich die in den populären Serien auftauchenden Deutungsmuster in den Vorstellungen der Akteure wiederfinden.
Zu Unterprojekt 1" Mediale Darstellungen von Sektionen":
Mediale Bilder spielen eine große Rolle für die kollektive Wissensproduktion, insbesondere wenn der reale Bezug zu einem eher abstrakten nicht sichtbaren oder alltäglichen Gegenstand hergestellt werden soll. Aus der Medizin kennen wir die Beispiele abstrakter visueller Popularisierungen, beispielsweise die Darstellung der DNA als Doppel Helix Struktur. Diese konventionalisierten Visualisierungen abstrakter Sachverhalte werden zum kollektiven Bildwissen einer Gesellschaft. Ähnlich verhält es sich mit nicht alltäglich sichtbaren Sachverhalten wie der Leiche, vor allem aber der Autopsie. Soziologische Studien verweisen eben nicht nur auf Medikalisierung des Todes, Privatisierung und Tabuisierung in der Öffentlichkeit, sondern auch vor allem auf seine Ausweisung in spezialisierte Institutionen wie das Krankenhaus oder das Bestattungsinstitut. Das heißt, die Gesellschaft bekommt ihre Toten kaum noch zu Angesicht. Die Sichtbarkeit der medialen Toten in forensischen Kontexten hingegen steigt, weswegen wir herausfinden möchten, welches mediale Bilderwissen über Leichen und Autopsien angeboten wird, auf das Laien möglicherweise zurückgreifen, wenn es um die Freigabe eines Körpers zur Sektion geht. Insbesondere, weil Laien die Unterschiede der Sektionsformen, Klinische Sektion vs. Forensischer Sektion höchst wahrscheinlich nicht kennen, muss daher auch die andere Seite des Phänomens untersucht werden. Gerade weil die massive Bilderflut forensischer Autopsien die alltäglichen Fernsehlandschaft prägen, ist es notwendig dieses Bilderwissen zu untersuchen. Dieses Bildwissen ist möglicherweise das einzige Wissen das Laien zu Thema Sektion haben und mit diesem über die Zustimmung oder Ablehnung einer Sektion entscheiden.
Zu Unterprojekt 2 "Klinische Praxis":
Dabei soll nicht die praktische Durchführung der Obduktion an sich untersucht werden, sondern Ziel ist die Analyse struktureller Bedingungen und kultureller Bedeutungen – es geht also um die Frage, wie die Praxis der klinische Sektion (von der Aufnahme des Patienten im Krankenhaus bis zur Abrechnung der Sektion) heutzutage organisiert ist, unter welchen Rahmenbedingungen in der Umwelt des Krankenhauses dies stattfindet und welche Bedeutungen die beteiligten Akteure dem Vorgang zuschreiben. Für die diesem Unterprojekt übergeordnete Frage der Gründe für die sinkende Sektionsquote haben wir entsprechend zwei Ebenen unterschieden:
Zum einen geht es um die Akteursebene, um die Ebene des Wissens, das die an der Sektion beteiligten Akteure von der klinischen Sektion haben, um die Meinungen, die sie zu dieser haben sowie die Bedeutungen, die sie ihr zuschreiben. Diese werden besonders deutlich in den Motiven, die die Akteure anführen, wenn sie ihre Zustimmung oder Ablehnung der Sektion begründen oder ihren medizinischen Wert beschreiben. Untersucht werden sollen hier die Perspektiven der Ärzte und der Betroffenen und ihre (wahrscheinlich nicht unproblematische) Interaktion im Kontext der Zustimmung zur Freigabe des toten Körpers, da es sich bei dieser Interaktion um die Schlüsselsituation handelt, in der nicht nur die Entscheidung für oder gegen die Obduktion fällt, sondern in der auch die Deutungen der unterschiedlichen Akteure gleichsam multiperspektivisch aufeinander treffen. Betroffene können dabei sowohl für ihren eigenen Körper Vorverfügungen treffende Personen als auch Angehörige von Verstorbenen sein. Rekonstruiert werden soll das personale Verhältnis der Beteiligten zur Obduktion und zum toten Körper (zum einen die dritte Person-Perspektive, also den ärztlichen Umgang mit und die professionelle Haltung zur Obduktion sowie zum anderen die Deutung der Betroffenen, wobei der Tod in der ersten und zweiten Person zum Tragen kommen – was nicht ausschließen soll, dass beide Positionen, also ein funktionales Rationalitätsverständnis als auch eine individuelle Sichtweise, auf beiden Seiten vorkommen können). Ziel ist es, auf diese Weise einen vertiefenden Einblick in die jeweilige Haltung zur Obduktion sowie die Motive und Gründe für die Zustimmung zur oder die Ablehnung der Obduktion zu erhalten.
Zum anderen soll die strukturelle Ebene untersucht werden. Gerade in der gegenwärtigen Gesellschaft findet der Umgang mit toten Körpern in Organisationen statt. Auf dieser Ebene geht es um die Analyse der institutionellen Arrangements, Abläufe und Routinen im Kontext der klinischen Sektion, da wir vermuten, dass in diesen ebenfalls Gründe für die sinkende Sektionsquote ausgemacht werden können.