Tod und toter Körper.
Zur Veränderung des Umgangs mit dem Tod in der gegenwärtigen Gesellschaft
Projektbeginn: 01.11.2008 Laufzeit: 3 Jahre
Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Tod und seine Bedeutung in der modernen Kultur grundlegend ändern. Neben den neuen Trauerformen und der Ausbildung einer sehr breiten, populären Ratgeberliteratur (die die verschwunden geglaubte Ars moriendi auf zeitgenössische Art wieder belebt), ist beispielsweise auch ein dramatischer Wandel der Bestattungsformen (Einäscherung, Urnen, Musealisierung der Friedhöfe) zu beobachten. Rückt der Tod gegenwärtig ins Zentrum der Aufmerksamkeit? Als Exempel, wie der gesellschaftliche Umgang mit dem toten Körper und seine kulturelle Bedeutung untersucht werden können, wird die klinische Obduktion genutzt. Dabei soll ein philosophisches Teilprojekt eine zeichenphilosophische Rekonstruktion der jeweils in den Einzelwissenschaften wirksamen "Interpretanten" leisten, während das ein soziologisches Teilprojekt die in Deutschland zu konstatierende Obduktionsmüdigkeit zu erklären sucht. Ein drittes Teilprojekt arbeitet zur Medizingeschichte und -ethik und ein rechtswissenschaftliches Teilprojekt analysiert systematisch die vorhandenen gesetzlichen Regelungen zur Sektion.
Das Forschungsprojekt Tod und toter Körper
Vortrag beim VW-Stiftungs-Symposium Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften,
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Berlin, 12.-14.1.2009, Prof. Dr. Hubert Knoblauch
Die Forschergruppe, muss ich vorausschicken, steckt im Beginn ihrer Arbeit. Das Projekt hat im November begonnen, so dass wir verständlicherweise keine Ergebnisse präsentieren können, sondern lediglich die Fragestellung und unser Thema.
Unser Thema gehört, wenn man so will, aus existentiell höchst einsichtigen Gründen in die Rubrik der Schlüsselthemen nicht nur der Geisteswissenschaften: Wir beschäftigen uns mit dem Tod. Nun könnte man einwenden, dass gerade der Tod doch eher von den Geisteswissenschaften vernachlässigt und dem überantwortet wurde, was bezeichnenderweise Lebenswissenschaften genannt wird. In der Tat bildet dieser Einwand einen der Ausgangspunkte für unsere Fragestellung. Denn die These, dass der Tod wenig beachtet wird, beschränkt sich keineswegs auf die wissenschaftliche Diskussion. Sie wird auf die gesamte moderne westliche Kultur ausgeweitet, die sich vom Tod abgewandt habe. In Anlehnung an ein Diktum Freuds und durchaus auch im Anschluss an ihn spricht man sogar von der Verdrängung des Todes, die seit der Moderne eingesetzt habe.
Auch wenn diese Metapher doch eine mehr als zweifelhafte Übertragung indvidualpsychologischer Prozesse auf die Kultur vornimmt, so umschreibt sie doch einen Topos, der in der Tat die Moderne zu definieren scheint. Von Freud bis zu Foucault sind nicht nur die Theoretiker der Meinung, die moderne Kultur wende sich vom Tod ab; auch die empirische Forschung beobachtet ein e Medikalisierung des Todes, seine räumlichen Ausbürgerung ins Krankenhaus, seine Privatisierung und Tabuisierung in der Öffentlichkeit.
Auch wenn diese Vorstellung noch bis heute geteilt wird, erkennen wir jedoch in den letzten Jahrzehnten auch sehr deutliche gegenläufige Tendenzen: Die breite Popularität einer Kübler-Ross, die sich den Toten und der Erfahrung des Totseins und Trauerns zuwandte, passt ebenso wenig in dieses Bild der Todeservdrängung wie die rasche Akzeptanz der Palliativmedizin und der Hospizbewegung, die sich des Todes annehmen möchte, und auch die Medien scheinen sich mittlerweile des skandalösen Potentials des Todes zu bedienen und offenbar auf eine große Akzeptanz zu stoßen, wenn man an die breite Aufnahme von Ausstellungen mit toten Körpern oder ihren höchst populären Ausdruck in den neuartig realistischen Visualisierungen in Film und Fernsehen denkt. Manche reden sogar von einer neuen Sichtbarkeit, ja von einer Kultur des Todes.
Die Spannung zwischen der Verdrängung des Todes als konstitutivem Element der Moderne und der zunehmenden Popularisierung des Todes in der jüngeren Gegenwart bildet den thematischen Ausgangspunkt unseres Projektes. Allerdings ist dieser thematische Rahmen viel zu breit für einen empirisch orientierten Projektverbund. Wir haben deswegen eine doppelte Fokussierung des Themas vorgenommen, die uns an sehr spezifische und im Rahmen des Projektes halbwegs realistisch erforschbaren Gegenstände bzw. Fragestellungen bindet, ohne jedoch den Bezug zur genannten spannenden Frage zu verlieren.
In einer ersten Fokussierung zielen wir darauf, den Tod nicht nur als ein abstraktes Thema zu behandeln; in einem weiten, die (verstehende) Soziologie grundlegend einbeziehenden Verständnis der Geisteswissenschaften, das weder vor der Praxis noch vor der Körperlichkeit Halt macht, soll unser Thema mit dem Tod auch sehr viel konkreter und sehr viel praktischer zu tun haben. Es geht uns deswegen in einer ersten Fokussierung um den Umgang mit dem toten Körper.
Die zweite Fokussierung gründet in der Entscheidung, nicht einen der „klaren Fälle“ zu untersuchen, die für die Enttabuisierung des Todes stehen, wie etwa die Hospizbewegung oder die Palliativmedizin. Wir beforschen vielmehr einen Gegenstand, der die Spannung zwischen der Enttabuisierung und der alten Tabusiierung gleichsam in sich trägt.
Unter anderem aus diesem Grunde haben wir uns der klinischen Sektion bzw. Obduktion zugewandt. Das Interesse an der Sektion rührt daher, dass in den verschiedensten westlichen Gesellschaften die Bereitschaft zur klinischen Sektion sinkt, also dazu, den eigenen toten Körper oder den Körper von Nahestehenden einer ärztlichen Sektion bereit zu stellen. In Deutschland sind dies in der letzten Zeit nur noch etwa 3% der 900 000 Toten pro Jahr, 2008, wie man vermutet, womöglich nur noch 1%. Diese zunehmende Scheu vor der Sektion jedoch steht in einem eigenartigen Kontrast zur Öffentlichkeit der toten Körper und auch ihrer Sektion, wie man etwa an der Popularität gerichtsmedizinischer Sektionen in Film und Fernsehen erkennt. In der Sektion also finden wir die heutige Ambivalenz des Todesthemas, also jene Ungleichzeitigkeiten und Unschärfen der Grenzen zwischen Leben und Tod. Ja man kann sagen, die Ambivalenz des Themas läuft geradezu durch die Sektion hindurch, denn während die klinische Sektion auf der Schattenseite der Tabuisierung steht, erfreut sich die anatomische und auch die forensische Sektion einer sehr neuen und erstaunlich wachsenden Beliebtheit. An der Sektion wollen wir deswegen auch die Gründe für diese Ambivalenz, für die eine oder andere Seite oder eben für eine neue Vorstellung über die Rolle des Todes in der heutigen Kultur festmachen.
Es liegt auf der Hand, dass ein so breites Thema nicht von einer einzigen Disziplin angegangen werden kann. Wir wollen deswegen die Untersuchung aus der Perspektive verschiedener, für diese Art von Untersuchung und diese Art von Gegenstand einschlägigen Disziplinen angehen: Zum einen wird die Sektion international sehr unterschiedlich organisiert und rechtlich geregelt. Mit der Verschiedenheit der rechtlichen Rahmenbedingungen beschäftigt sich deswegen das juristische Teilprojekt von Brigitte Tag aus Zürich, während sich das soziologische Teilprojekt von Hubert Knoblauch in Berlin mit der formalen Organisation der Sektion und ihrer alltäglichen Handlungsraxis im klinischen bzw. pathologischen Kontext beschäftigt. Daneben wird im soziologischen wie im medizinhistorischen Projekt von Dominik Groß aus Aachen das medial vermittelte Wissen über die Sektion untersucht und damit die sichtbarsten Quellen, aus denen sich die Entscheidung für und vor allem gegen die Sektion speist. Während die Soziologie die Entscheidungsfindung mit Blick auf das für die Sektion ausschlaggebende „Aufklärungsgespräch“ untersucht, beschäftigt sich das medizinethische Teilprojekt mit den ethischen Problemen dieser Entscheidung für die Sektion. All dies verweist auf die grundlegende Frage nach dem Verhältnis der Menschen zu toten Körpern und zu ihren toten Körpern – ein Thema, das die Philosophie von Andrea Esser aus Marburg angeht, um einen begrifflichen Rahmen für die verschiedenen Projekte aus den verschiedenen Disziplinen zu schaffen. Die interdisziplinäre Ausrichtung wird durch eine schon bestehende enge Kooperation mit Experten aus verschiedenen Bereichen der Medizin ergänzt, die es uns erlauben soll, die Sektion empirisch zu untersuchen.
Hat sich mit der Untersuchung des besonderen und besonders ambivalenten Gegenstands der klinischen Sektion erst einmal der Blick eingestellt und eine gemeinsame Begrifflichkeit eingespielt, dann sollen in einem zweiten Projektschritt vergleichbare, angrenzende und kontrastierbare Gegenstände betrachtet werden, wobei wir – aus den Erkenntnissen des ersten Untersuchungsblockes resultierende – disziplinäre Ausweitungen vornehmen werden: Neben den genannten verwandten Formen der Sektion etwa die Organstransplantation, die Patientenverfügung oder die neuen Bestattungsrituale, für die auch gesundheitsökonomische, religionswissenschaftliche und ethnologisch vergleichende Perspektiven einbezogen werden müssen.
Die Projektzusammenarbeit soll einmal darauf zielen, die – wie sie auch genannt wird – „Revolution des Todes“ und damit auch die Begriffe der Tabuisierung bzw. Enttabuisierung differenzierter zu fassen, also auf die Eingangsfrage eine empirisch qualifizierte Antwort zu geben und die Grenzverläufe und –verschiebungen zum Tod zu beschreiben und zu erklären. Die Arbeit an einer gemeinsamen Begrifflichkeit wird dabei aber nicht nur gleichsam zur bloßen Bewältigung des interdisziplinären Forschens dienen. Da wir eines der wenigen wirklich Disziplinen-übergreifenden Projekte zum Tod überhaupt sind (nicht nur im deutschsprachigen Raum), soll unser Projekt in seinen beiden Phasen zur Entstehung einer Thanatologie beitragen, die sich weder auf die psychologische Beratung von Betroffenen noch auf die bloß medizinische Behandlung von Sterbenden und Toten beschränkt. Diese multidisziplinäre – im Unterschied zur Transdisziplinarität aus starken Disziplinen mit ihren eigenen Methoden und Methodologien betriebene – Thanatologie soll durch eine begleitende (wenn auch moderat finanzierte) Öffentlichkeitsarbeit verstärkt werden, und schließlich verfolgen vor allem das juristische und medizinethische Teilprojekt auch das sehr praktische Ziel einer Veränderung der rechtlichen Situation bzw. der medizinethischen Praxis der klinischen Sektion.
Allerdings ist das noch eine sozusagen kontrapunktische Zukunftsmusik, denn wir stehen ja noch, wie eingangs gesagt, ganz am Anfang. Und da wir am Anfang stehen, sind wir für Anregungen und Hinweise besonders dankbar. Deswegen halte ich mich kurz, um Zeit für die Diskussion zu lassen, danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und bin sehr gespannt auf die Diskussion.